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08.04.2005 Ist Geiz geil?

Wir Billigheimer

 
(Leitartikel der „Rheinpfalz“ Nr. 84 vom 8.4.06)

„Geben wir die Hatz nach dem Tiefpreis auf und lassen uns wieder stärker vom guten Preis-Leistungs-Verhältnis leiten.“

Geiz ist eine Geisteshaltung. Auch Geisteshaltungen unterliegen Moden. Geiz lag schon lange im Trend, als der unsägliche Werbeslogan „Geiz ist geil“ zum Ausdruck einer fragwürdigen Massenmode wurde. Geiz ist eine Untugend. Der Essener Weihbischof Franz Grave fand dafür klare Worte: Geiz sei gottlos. Die gottlose Geisteshaltung entpuppt sich auch noch als mächtiger Wirtschaftsfaktor. Das bekommt seit Jahren der deutsche Einzelhandel zu spüren. Der Geiz hat die Branche umgekrempelt. In nahezu allen Läden plärren einen grelle Schilder an mit „Hammerpreisen“, „Tiefstpreis-Knüller“ oder „Preis-Bomben“. Wohin hat uns die „immer noch grassierende Geiz-ist-geil-Mentalität“ – so ein Trendforscher – geführt?

Der Prototyp des geizigen Konsumenten hält sein Geld zusammen. Nicht weil er es für ein Ziel spart, sondern weil er aus Prinzip nichts ausgeben möchte. Wenn er denn doch etwas kaufen muss, dann nur zum tiefstmöglichen Preis. Für den Geizkragen ist das der einzig richtige Preis. Akzeptiert wird nicht das angemessene Preis-Leistungs-Verhältnis, sondern ausschließlich das billigste Angebot. Orientieren sich Menschen massenhaft an diesem Vorbild, üben sie gleich in doppelter Weise Druck aus.

Die Anbieter im Einzelhandel etwa spüren zum einen sofort die Konsumflaute, die sich einstellt, wenn der Kunde den Geldbeutel in der Tasche festhält. Das verstärkt den Druck dieses geizgetriebenen Wettbewerbs in die zweite Richtung: Es überlebt nur der, der den niedrigsten Preis anbietet. Das wiederum heißt für die Händler und Produzenten, dass ein Kriterium überragendes Gewicht erhält: die Kosten. Sie müssen gesenkt werden, es muss billig produziert werden. Koste es, was es wolle. Produktionskosten wiederum können gesenkt werden, indem man standardisierte Ware in Massen produziert. Und wer immer billiger produzieren muss, der kann dabei nicht die Qualität seiner Produkte steigern. Die Folge von alledem: Das Warenangebot verarmt, sowohl in seiner Vielfalt als auch in seiner Qualität.

Doch die bedenklichen Folgen des Geizes reichen noch weiter. Sinkende Preise zwingen die Händler auch dazu, am Personal zu sparen. Service geht verloren, Löhne sinken, es gibt mehr Arbeitslose. Und die davon Betroffenen wiederumbrauchen nun niedrigere Preise, um ihren täglichen Bedarf zu decken. Ein Teufelskreis. Das bringt den Schweizer Konsumforscher David Bosshart zu der bitteren Aussage, „Harddiscount“ sei ab einem bestimmten Marktanteil „ein untrügliches Symbol für die Irreversibilität des sozialen Abstiegs“. Geiz als Ursache vielfältiger und handfester Verarmung: Für manchen Geizkragen dürfte das ein überraschender Zusammenhang sein.

Geiz verunsichert die Konsumenten. Wenn Händler mit ständig neuen Tiefstpreisen aufwarten, dann führt das beim Kunden zum andauernden Verdacht, beim jüngsten Kauf keinen guten Preis bekommen zu haben, beziehungsweise in der Vergangenheit immer zu viel gezahlt zu haben. So etwas kann sich zum grundlegenden Argwohn beim Einkauf festigen. Die Folge: Der Geldbeutel sitzt noch fester in der Tasche.

Sich beim Kauf vom Geiz leiten zu lassen widerspricht zudem der Vernunft. Sinnvoll wäre es ja, sich zu überlegen, was man braucht, und dann das günstigste Angebot für die gewünschte Leistung oder die begehrten Eigenschaften zu suchen. Das entspräche dem so genannten ökonomischen (Vernunft-) Prinzip: für ein festes Ziel möglichst wenig aufzuwenden, oder für einen bestimmten Aufwand  möglichst viel zu erhalten. Der Geiz dagegen akzeptiert prinzipiell nicht, dass für ein Ziel überhaupt etwas aufgewendet werden soll. Der Geizige will möglichst wenig hergeben, egal für welches Produkt. Das Geiz-Ideal lautet daher: alles gratis. Für diese Haltung gibt es keine guten Argumente. Geiz ist deshalb unvernünftig, er ist schlicht dumm.

An den handfestern Auswirkungen der Geisteshaltung Geiz zeigt sich wieder einmal, dass Wirtschaft eine soziale Veranstaltung ist und dass aus einer Untugend nichts Gutes entsteht. Wir alle erschaffen durch unser Handeln die Wirtschaft, in der wir leben. Geben wir die Hatz nach dem Tiefstpreis auf, und lassen wir uns wieder stärker vom guten Preis-Leistungs-Verhältnis leiten. Oder noch besser: vom guten statt vom geizigen Leben.

[Ende]


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Das Gesetz der Wirtschaft

Es gibt kaum etwas auf dieser Welt, das nicht irgend jemand ein wenig schlechter machen und etwas billiger verkaufen könnte, und die Menschen, die sich nur am Preis orientieren, werden gerechte Beute solcher Machenschaften.

Es ist unklug, zu viel zu bezahlen, aber es ist noch schlechter, zu wenig zu bezahlen.
Wenn Sie zu viel bezahlen, verlieren Sie etwas Geld, das ist alles.
Wenn Sie dagegen zu wenig bezahlen, verlieren Sie manchmal alles, da der gekaufte Gegenstand die ihm zugedachte Aufgabe nicht erfüllen kann.

Das Gesetz der Wirtschaft verbietet es, für wenig Geld viel Wert zu erhalten.

Nehmen Sie das niedrigste Angebot an, müssen Sie für das Risiko, das Sie eingehen, etwas hinzurechnen.
Und wenn Sie das tun, dann haben Sie auch genug Geld, um für etwas Besseres zu bezahlen

John Ruskin, engl. Sozialreformer (1819-1900)


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